September 29 + 30, 2020
Stuttgart, Germany

[DE] Sondernewsletter April 2019

Stuttgart, Deutschland, March 22, 2019

Interview mit Hans-Werner Kulenkampff, Lead Engineer in der Abteilung „Smart Energy Systems“ von TRACTEBEL, einem Tochterunternehmen der Engie Group in Santiago, Chile sowie Gründer und Präsident des chilenischen Wasserstoffverbands „H2 Chile“

Sondernewsletter: Interview mit Hans-Werner Kulenkampff

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Chile: Hohes Potenzial für kostengünstige Produktion von grünem Wasserstoff

Auf der f-cell 2019, die im Haus der Wirtschaft in Stuttgart am 10. und 11. September 2019 stattfindet, wird Hans-Werner Kulenkampff, Gründer und Präsident von H2 Chile, in seinem Vortrag erläutern, welch hohes Potenzial in Chile hinsichtlich des Ausbaus der erneuerbaren Energien vorhanden ist und was dies für die Produktion und den Export von grünem Wasserstoff bedeutet. Die Newsletter-Redaktion sprach mit ihm über die aktuellen Entwicklungen und die Chancen, die sich daraus für deutsche und europäische Unternehmen und Organisationen der Wasserstoff- und Brennstoffzellenindustrie ergeben.

Herr Kulenkampff, Sie haben im letzten Jahr „H2 Chile“ gegründet. Was hat Sie zu diesem Schritt bewogen?
Dafür gab es zwei Gründe. Als ich 2016 die technisch-ökonomischen Voraussetzungen für den Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft in Chile analysierte, habe ich schnell festgestellt, dass wir einen unschlagbaren Vorteil haben. Chile verfügt wie kaum ein anderes Land über ein enorm hohes Potenzial im Bereich der erneuerbaren Energien. Dazu später mehr. Der zweite Grund ergab sich aus der ersten von der Deutschen Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) im Jahr 2017 initiierten Wasserstoff-Konferenz in Chile. Unter den Teilnehmern war zwar der Präsident des argentinischen Wasserstoffverbands, aber kein Teilnehmer aus Chile in ähnlicher Funktion. Daher startete ich eine Recherche. Diese ergab, dass zum damaligen Zeitpunkt kein Wasserstoffverband in Chile existierte. Also haben wir, eine Gruppe von 28 Gleichgesinnten, „H2 Chile“ gegründet. Wir wollen dazu beitragen, die noch bestehenden Wissenslücken in der chilenischen Gesellschaft bezüglich der Rolle des Wasserstoffs für das Gelingen der Energiewende zu schließen. Welche Rolle regenerativ erzeugter Strom dabei spielt, ist in Chile mittlerweile bekannt. Kaum bekannt ist jedoch, dass die Energiewende auch eine stoffliche Seite benötigt, mit Wasserstoff als chemischem Energieträger. Mit H2 Chile wollen wir dazu beitragen, dass diese Erkenntnisse in den Universitäten stärker vermittelt werden. Außerdem möchten wir diese Zusammenhänge auch den Vertreten der Politik aktiv näherbringen.

Welche Ziele verfolgt H2 Chile und welche Impulse möchten Sie in Richtung Politik und Wirtschaft mit der Gründung setzen?
Unsere Mission ist es, die stoffliche Seite der Energiewende voranzubringen und die Entwicklung einer Wasserstoffwirtschaft in Chile zu beschleunigen. Unsere Vision ist es, dass Chile ein weltweit führender Hersteller und Exporteur von grünem Wasserstoff wird. Dies haben wir so in unseren Statuten festgelegt, die vom chilenischen Wirtschaftsministerium mitgetragen werden. Wir möchten mit H2 Chile eine Plattform schaffen, die Vertreter aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik zusammenbringt, um mit vereinter Kraft unsere Ziele zu erreichen. Mittlerweile hat sich die Mitgliederzahl von 28 auf 40 erhöht. Die meisten Mitglieder sind Privatpersonen, die in Organisationen und Unternehmen entlang der gesamten Wertschöpfungskette von grünem Wasserstoff beschäftigt sind – von der Energiewirtschaft bis hin zu Bergbauunternehmen.

Was ist Ihre persönliche Motivation, sich mit dem Thema Wasserstoff zu beschäftigen?
Ich beschäftige mich als studierter Chemie-Ingenieur seit Langem mit Energiesystemen und habe mich immer gefragt, was ich zum Gelingen der Energiewende in Chile beitragen kann. Da ich kein Elektro-Ingenieur bin und sich die Akteure der Energiewende bisher zu stark auf den Stromsektor fokussiert haben, wollte ich mich mit der stofflichen Seite beschäftigen. Und da beginnt alles mit dem Wasserstoff. Außerdem bin ich noch relativ jung und will jetzt zur Lösung unserer Klimaprobleme beitragen, damit ich mich später nicht fragen lassen muss, warum ich damals – als noch Zeit war – nichts getan habe.

Wasserstoff kann nur dann zu einer Dekarbonisierung der Wirtschaft beitragen, wenn er mit Strom aus regenerativen Energiequellen – Wind und Sonne – erzeugt wird. Welches Potenzial hat Chile hinsichtlich Photovoltaik und Windenergie?
Ich möchte Ihnen dazu ein paar Zahlen nennen: In Chile wird Stand heute ungefähr 23 GW Strom erzeugt. Davon entfallen rund zehn Prozent auf Sonnenenergie, knapp sieben Prozent auf Windenergie, ca. zwei Prozent auf Biomasse und etwas über 16 Prozent auf Wasserkraft. Damit stammen rund 35 Prozent des erzeugten Stroms aus erneuerbaren Quellen. Noch interessanter wird es, wenn man die bereits bewilligten PV- und Windkraftprojekte betrachtet. Hier reden wir von 22 GW im Bereich der Photovoltaik, das ist fast so viel wie die heute insgesamt installierte Leistung. Hinzu kommen bewilligte Windenergieprojekte mit einer Gesamtleistung von rund 10 GW. Das Problem ist jedoch, dass diese Projekte heute noch nicht umgesetzt werden können, da ansonsten das Netz überlastet wäre und zusammenbrechen würde. Der günstige Solarstrom aus dem Norden könnte nicht in den Rest des Landes transportiert werden, dahin wo er gebraucht wird.
Richtig interessant wird es, wenn wir das gesamte vorhandene Potenzial zur Erzeugung von grünem Strom aus erneuerbaren Quellen betrachten. Dieses wird laut einer Studie der GIZ auf 1.800 GW geschätzt. Zur Erinnerung: Stand heute summiert sich die installierte Leistung in Chile auf gerade einmal 23 GW. Die Frage ist also: Wie und wozu können wir dieses Potenzial nutzen?

Chile wurde in der Studie „Climatescope 2018“ als „world leader“ bei Erneuerbaren Energien identifiziert. Was sind die Gründe für dieses Ergebnis und welche Schlüsse ziehen Sie daraus?
Die Zahlen zum Potenzial Chiles bei den Erneuerbaren Energien habe ich ja bereits genannt. Chiles windiger Süden und sonniger Norden bieten ideale Voraussetzungen für die Erzeugung sauberer Energie. Aber das positive Abschneiden Chiles in der Studie liegt auch an den energiepolitischen Rahmenbedingungen, der besonderen Marktstruktur und den vergleichsweise unkomplizierten Regularien. Dies alles zusammen macht Chile zur Nummer 1 der Studie, vor anderen Ländern mit ebenfalls günstigen geographischen Bedingungen für Wind- und Sonnenstrom. Chile punktet mit ausgezeichneten wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen. Außerdem hat sich der Preis für Strom aus erneuerbaren Quellen fast halbiert. So gab es 2016 eine erste Ausschreibung im Bereich der erneuerbaren Energien. Vorher lag der Strompreis bei rund 100 USD pro MWh und fiel dann im Jahr 2016 auf rund 47 USD/MWh und im Jahr 2017 auf rund 32.5 USD/MWh. Verantwortlich für diesen Preissturz waren nur die Kräfte des freien Marktes, es gab keine finanziellen Mittel vom Staat. Es wurden nur neue rechtliche Rahmenbedingungen geschaffen, um erneuerbare Energien zu fördern. So konnte ein Markt geschaffen werden, der 10 Jahre zuvor noch nicht existent war.

Im Bericht des World Energy Councils wurde Chile als Hidden Champion für „Power to X“ klassifiziert. Wie schätzen Sie das Potenzial für PtX in Chile ein?
Mit Chiles Potenzial von 1.800 GW aus erneuerbaren Quellen können wir verschiede Power-to-X-Wege einschlagen. So benötigen wir zum Beispiel emissionsfreien Treibstoff für die Bergbauindustrie im Norden Chiles. Dort kann Wasserstoff fossile Brennstoffe wie den Diesel ersetzen, der heute noch in großer Menge für die Mienenfahrzeuge benötigt wird. In den Mienen wird unter anderem Kupfer, Lithium oder Kobalt gefördert, die für die Produktion von Batterien, z.B. für die lokal emissionsfreie Mobilität, benötigt werden.

Interessant ist auch die Produktion von Ammoniak mit grünem Wasserstoff aus PV-Strom, entweder für die Landwirtschaft oder als Ausgangsstoff für die Produktion von Sprengstoffen für den Einsatz in den Mienen. Einst hatte die Entdeckung des Haber-Bosch-Verfahrens dazu geführt, dass Chile seine Position als weltweit führender Exporteur von Düngemittel verlor. Heute könnte Chile das Verfahren nutzen, um Ammoniumnitrat mit Wasserstoff, der per Elektrolyse aus PV-Strom gewonnen wird, zu erzeugen und zu exportieren. Da der chilenische PV-Strom bereits heute günstiger ist als z.B. Kohlestrom, könnte die Produktion nicht nur ökologisch sinnvoll, sondern auch wirtschaftlich attraktiv sein.

In Deutschland ist zurzeit viel von der Sektorkopplung die Rede, ohne die die Energiewende nach Meinung der Experten nicht gelingen kann. Wird das Thema auch in Chile diskutiert?
Das Thema ist meiner Meinung nach noch nicht ausreichend in der öffentlichen Diskussion in Chile angekommen. Dies war für uns auch ein Grund, H2 Chile aus der Taufe zu heben. Das chilenische Energieministerium erwähnt zwar Wasserstoff in seiner „Ruta Energetica“, z.B. für die Dekarbonisierung des Mobilitätssektors und als Speicheroption zur Flexibilisierung der Stromnetze, aber im Tagesgeschäft konzentrieren sich die Politiker immer noch zu stark auf den Stromsektor, wenn es um die Umsetzung der Energiewende geht.

Welche Unternehmen und Organisationen gibt es in Chile, die im Bereich der Wasserstoff- und Brennstoffzellentechnologie aktiv sind? Gibt es Kooperationen mit Deutschland bzw. Europa?
Viele deutsche und europäische Unternehmen haben Niederlassungen in Chile. Ich möchte an dieser Stelle nicht einzelne Unternehmen oder Organisationen herausheben, aber zwei aktuelle Projekte nennen, bei denen sowohl chilenische als auch ausländische Firmen und Organisationen beteiligt sind:

  • Ein Projekt beschäftigt sich mit der Entwicklung eins Schwerlasters mit einer Leistung von zwei bis drei MW für den Einsatz in Chiles Minen. Für den Antrieb sorgt ein Dual-Fuel-Verbrennungsmotor, der Diesel und Wasserstoff nutzt. Das Projektvolumen beträgt rund 20 Millionen USD über eine Laufzeit von fünf Jahren. Teil des Konsortiums sind u.a. Alset, Hydrogenics und Engie.
  • Beim zweiten Projekt geht es um ein leichteres Minenfahrzeug mit einem Brennstoffzellenantrieb im 100-kW-Bereich. An dieser Entwicklung sind neben einigen chilenischen Unternehmen auch Linde, Ballard, Nel sowie das Fraunhofer-Institut beteiligt. Dies sind zwei Beispiele für die internationale Zusammenarbeit bei chilenischen Forschungs- und Entwicklungsprojekten.

Erwähnen möchte ich auch, dass gerade erst eine Ausschreibung für ein neues Technologieinstitut in Chile gestartet wurde. Geplant ist das größte Energiewende-Institut in Südamerika. Zur Finanzierung ist ein Betrag von rund 193 Millionen USD über eine Laufzeit von 12 Jahre vorgesehen. Die Gelder sollen z.T. aus Lizenzgebühren für die Lithium-Förderung stammen. Ich finde dies bemerkenswert, da Chile zum ersten Mal Gelder in dieser Höhe in Forschung und Entwicklung zu den Bereichen erneuerbare Energie, Bergbau und Materialien investiert. Meiner Meinung nach werden diese drei Bereiche für Chile in der kommenden Dekade von größter Bedeutung sein.

Welche Aktivitäten gibt es in Chile zurzeit, um das Thema grüner Wasserstoff voranzubringen?
Im Jahr 2018 hat Chile die „Mission Innovation“ unterzeichnet. Damit ist Chile Mitglied des Netzwerks und beteiligt sich an den zwei Arbeitsgruppen „Solar Energy“ und „Renewable and Clean Hydrogen“. Ende März 2019 gab es in Antwerpen/Belgien, ein Meeting der „Mission Innovation Challenge 8“ zu „Hydrogen Valleys“, an dem auch ich teilgenommen habe. Dort habe ich die chilenische Abordnung unterstützt und wir haben über die Pläne Chiles berichtet, im Norden des Landes „Hydrogen Valleys“ zu errichten.

Sie werden auf der f-cell 2019 einen Vortrag zu den Entwicklungen in Chile halten. Was werden die Schwerpunktthemen sein?
Ich freue mich sehr, einen Vortrag auf der f-cell 2019 in Stuttgart halten zu dürfen. Ich werde als Präsident von Chile H2 sprechen und natürlich auf die neuesten Entwicklungen im Bereich der Wasserstoff- und Brennstoffzellen-Technologie in Chile eingehen. Momentan wird in Chile an einem Dokument gearbeitet, das die nationale Wasserstoff-Strategie darlegt. Dieses Projekt muss im August 2019 abgeschlossen sein. Ich hoffe, dass ich auf der f-cell 2019 mehr dazu berichten und Chiles neue „Hydrogen Roadmap“ vorstellen kann.

Welche Erwartung knüpfen Sie an die f-cell 2019?
An erster Stelle stehen für H2 Chile und mich das Netzwerken. Auf der f-cell möchte ich neue Kontakte knüpfen und Partner und Freunde treffen. Außerdem möchte ich mich über den aktuellen Stand der Entwicklungen im Bereich der Wasserstoff- und Brennstoffzellen-Technologie umfassend informieren und einen Überblick über die Aktivitäten in den verschiedenen Ländern gewinnen. Und persönlich interessiert mich der Besuch in Deutschland, da hier die Wurzeln meiner Familie liegen. Und ja, ich bin verwandt mit Hans-Joachim Kulenkampff. Er war ein Cousin meines Großvaters väterlicherseits.

Was würden Sie deutschen Unternehmen und Organisationen empfehlen, die in Chile aktiv werden wollen? Welche Unterstützung kann H2 Chile anbieten?
H2 Chile hat es sich zum Ziel gesetzt, Wasserstoff- und Brennstoffzellen-Aktivitäten zusammenzuführen und Entwicklungen zu beschleunigen. Wir verfügen über beste Kontakte sowohl in den öffentlichen als auch den privaten Sektor und zu den Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Wir helfen deutschen wie auch Unternehmen aus anderen Ländern gerne dabei, in Chile Fuß zu fassen. Denn wir begreifen uns als Katalysator für den Aufbau einer funktionierenden Wasserstoffwirtschaft. Die Potenziale Chiles in diesem Bereich sind – wie mein Vortrag auf der Impulsveranstaltung f-cell 2019 zeigen wird – mehr als beachtlich.