September 14 + 15, 2021
Stuttgart, Germany

[DE] Sondernewsletter August 2021

Stuttgart, Deutschland, August 23, 2021

Interview mit Peter Sauber, Franz Lehner und Maike Schmidt

f-cell 2020

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WASSERSTOFF: TEMPORÄRER HYPE ODER UNVERZICHTBARER KLIMARETTER?

f-cell 2021 am 14 und 15. September 2021 im Haus der Wirtschaft, Stuttgart

Grüner Wasserstoff boomt. Es gibt heute kaum ein Land oder eine Region ohne eine eigene Wasserstoffstrategie. Ist dies – wie in der Vergangenheit schon oft gesehen – nur ein weiterer Hype oder der Einstieg in eine dauerhafte, zukunftsfähige Wasserstoffwirtschaft? Die Newsletter-Redaktion sprach darüber mit Peter Sauber, der nach über 20 Jahren im H2BZ-Business kurz vor dem Ende seiner beruflichen Laufbahn steht, sowie mit Franz Lehner von der NOW GmbH und Maike Schmidt vom ZSW, die in ihren jeweiligen Bereichen den Weg in eine klimaneutrale Energiewirtschaft auch in Zukunft mitgestalten wollen.

 

Herr Sauber, im Jahr 2001 hatten Sie zum ersten Mal die f-cell in Stuttgart ausgerichtet. Was hat Sie damals bewogen, diesen Schritt zu wagen?

Für mich war das Thema Brennstoffzelle damals noch völliges Neuland. Die Anregung für die f-cell kam ursprünglich von der Wirtschaftsförderung Region Stuttgart, nachdem dort der Cluster Brennstoffzelle gegründet wurde. In Deutschland gab es zu dem Zeitpunkt bereits den Gemeinschaftsstand „Hydrogen + Fuel Cells“ auf der Hannover Messe, der von Arno Evers organisiert wurde. Wir haben uns bei der Konzeption der f-cell abgestimmt. Schon damals hatten wir erkannt, dass sich unsere beiden Veranstaltungen gut ergänzen würden und dass zwei starke Veranstaltungen im Frühjahr und Herbst das Thema Wasserstoff und Brennstoffzelle in Deutschland, aber auch international voranbringen könnten.

In den vergangenen Jahrzehnten haben Sie schon einige Hype-Zyklen in Sachen H2BZ erlebt. Wie schätzen Sie aus Ihrer langjährigen Erfahrung die jetzige Situation ein?

Aus Sicht der Branche waren die letzten 20 Jahre von einem ständigen Auf und Ab geprägt. Salopp gesprochen haben wir gefühlt alle 3 bis 4 Jahre einen „Schweinezyklus“ durchlaufen. Der Fokus lag damals noch stark auf dem Pkw-Bereich. Wie groß das Potenzial des Wassersoffs allerdings wirklich ist, hat sich erst in den letzten Jahren offenbart. Im Kontext Energiewende und Klimawandel wird grüner H2 nun von allen als ein unverzichtbares Element wahrgenommen.

Vor 20 Jahren hatte sich noch niemand dafür interessiert, woher der Wasserstoff stammt. Heute ist die „Farbe“ des Wasserstoffs zu einer der Kernfragen geworden. Auch bei den Anwendungen hat es einen Wandel gegeben. Vor 10 Jahren hatten wir noch die drei Kategorien mobil, stationär und portabel. Portable Brennstoffzellen spielen heute fast keine Rolle mehr und auch die stationären Brennstoffzellen verfügen – zumindest in Europa – über ein noch nicht vollständig ausgeschöpftes Potenzial. Im mobilen Bereich reden wir heute neben Pkw, Lkw und Bussen auch über Züge, Schiffe und Flugzeuge. Und als einer der größten Abnehmer von grünem Wasserstoff sind in den letzten Jahren die Chemie-, Stahl und Zementindustrie hinzugekommen. Das verleiht dem Thema eine ganz neue Dynamik.

Ist der momentane Aufschwung von Dauer?

Ich denke, ja. Vor 10 Jahren kamen die Player im H2BZ-Bereich vor allem aus den USA, Kanada, Japan, Korea und Deutschland. Heute gibt es fast kaum ein Land oder eine Region, die sich nicht mit dem Thema Wasserstoff beschäftigt. Und auch die geplanten Investitionen bewegen sich in einer völlig neuen Größenordnung. Daher glaube ich, dass es nun kein Zurück mehr geben wird. Alleine Deutschland will laut Nationaler Wasserstoffstrategie die Wasserstofftechnologien mit insgesamt neun Milliarden Euro fördern.

Wie wird es mit der f-cell Stuttgart in Zukunft weitergehen? Und welche Rolle werden Sie dabei spielen?

Zuerst einmal: Die f-cell wird es auch weiterhin geben und sie wird auch in Stuttgart stattfinden. Wie einige wissen, hatten ich meinen Rückzug aus dem Tagesgeschäft schön länger geplant. Nun wird die Messe Stuttgart die Aktivitäten der Peter Sauber Agentur im Bereich Wasserstoff und Brennstoffzelle inklusive der Mitarbeiter übernehmen. Ich bin zuversichtlich, dass die f-cell mit der Messe Stuttgart den nächsten großen Sprung schaffen wird. Wahrscheinlich nicht mehr im Haus der Wirtschaft, sondern als richtig große Messe auf dem Messegelände. Aber da will ich nicht vorgreifen. Zur Rolle meiner Person: Ich werde den Übergang beratend begleiten und auch einige der bereits in der Planungsphase befindlichen Projekte – nun für die Messe Stuttgart – weiter vorantreiben.

 

Herr Lehner, während Herrn Sauber kurz vor dem Ausklang seiner erfolgreichen Karriere steht, wollen Sie das Thema H2BZ auch zukünftig aktiv mitgestalten. Nach fast 10 Jahren beim Schweizer Energie-Beratungsunternehmen E4tech, bei dem Sie u.a. am jährlich erscheinenden Fuel Cell Industry Review mitgewirkt haben, sind Sie Anfang des Jahres zur NOW gewechselt und dort für das Thema internationale Zusammenarbeit zuständig. Was hat Sie zu diesem Karriereschritt bewogen?

Nach dem Ende meines Studiums hatte ich hatte das Glück, bei E4tech zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Dort hatte ich die Gelegenheit, Schritt für Schritt in die H2BZ-Community hineinzuwachsen. Die NOW ist – ähnlich wie E4tech – im Schnittfeld von Technik, Wirtschaft und Politik positioniert. Nur dass der einzige Auftraggeber der NOW die Bundesregierung ist. Der Fokus liegt somit viel stärker auf der Ausgestaltung der Rahmenbedingungen für die Energiewende. Diese Rahmenbedingungen näher, direkter mitgestalten zu können, war der Hauptgrund für meinen Wechsel.

Welche Ziele möchten Sie in Zukunft erreichen? Was muss Ihrer Meinung nach geschehen, damit das Thema Wasserstoff in Deutschland – aber auch international – dauerhaft vorankommt?

Mein Ziel und das der NOW ist es, die Bundesregierung optimal bei Umsetzung der klima- und industriepolitischen Ziele zu unterstützen. Konkret ist das zum Beispiel die Ausgestaltung der Rahmenbedingungen beim EU-Klimapaket Fit-For-55, wofür wir gerade ein neues „Team Europa“ aufbauen. Mein ganz persönliches Ziel ist es, einen Beitrag zur Versachlichung der Energiewende-Debatte zu leisten. Damit meine ich, Scheinargumente zu entlarven, so manche Totschlagargumente zu entschärfen und eine gewisse Ehrlichkeit in der Energiewende-Debatte herzustellen: zum Beispiel bei den Themen Brückentechnologien, also blauer Wasserstoff aus Erdgas mit CO2-Abscheidung, oder dem Revival der Atomenergie in einigen Ländern. Das sind für mich Diskussionen, die Investitionen weglenken von den Technologien, die uns bis 2050 am effektivsten zur Null-Emission bringen können, nämlich die Erneuerbaren.

Sie werden auf der f-cell einen Vortrag zum Thema „The end of the efficiency dogma in the age of renewables – a convenient truth?” halten. Was werden Sie berichten?

Der Titel soll auch ein wenig provozieren. In den 80er- oder 90er-Jahren war saubere Energie Mangelware. Doch in den letzten zwei bis drei Jahrzehnten gab es eine dramatische Kostendegression bei der Wind- und Solarenergie. Uns stehen nun Technologien zur Verfügung, mit denen wir Energie theoretisch im Überfluss zur Verfügung stellen können, wenn wir schnell genug ausbauen. Wasserstoff spielt dabei eine ganz entscheidende Rolle, da Moleküle auch in Zukunft notwendig seien werden, um den Endenergiebedarf zu decken. Mir bekannte Studien gehen bestenfalls von einem weltweiten Strom/Moleküle-Mix von ca. 50:50 im Jahr 2050 aus. Wir benötigen daher jetzt Rahmenbedingungen, die – vor allem für First Mover – Investitionssicherheit schaffen, damit wir den steilen Teil der Lernkurve bei grünem Wasserstoff schnell durchschreiten.

Welche Erwartungen knüpfen Sie an die diesjährige f-cell? Wie wichtig ist die Veranstaltung für Sie in Ihrer neuen Funktion?

Die f-cell ist für mich seit vielen Jahren ein Fixpunkt in meinem beruflichen Jahresverlauf. Ich hoffe, dass es in diesem Jahr wieder möglich ist, viele bekannte und auch neue Gesichter persönlich zu treffen. Präsenzveranstaltungen haben mir sehr gefehlt, denn nur im direkten, persönlichen Gespräch kann ich ein verlässliches Gefühl für die Stimmung in der Branche bekommen. Gerade die Zwischentöne sind in Online-Meetings kaum herauszuhören. Ich hoffe auch, dass trotz eventueller Reisebeschränkungen internationales Publikum vor Ort seien wird, damit wir die NOW weiter vernetzen können.

 

Frau Schmidt, wie Herrn Lehner gehören Sie – trotz Ihrer langjährigen Erfahrung, u.a. als Leiterin des Fachgebietes Systemanalyse am ZSW – zu den jüngeren Akteuren, die den größten Teil Ihrer Zukunft in der H2BZ-Branche noch vor sich haben. Wie könnte diese Zukunft aussehen und was sind die drängendsten Aufgaben und Fragen aus Ihrer Sicht?

Auf europäischer Ebene fiel mit dem Pariser Übereinkommen im Jahr 2019 die Entscheidung, bis 2050 klimaneutral zu werden. Dies war der Schlüsselmoment für den Einsatz von klimaneutralem Wasserstoff. Grüner Wasserstoff wird zukünftig eine wichtige Rolle spielen, sowohl als Energieträger – beispielsweise für die energieintensive Industrie oder den Verkehrssektor –als auch als Rohstoff für die Chemie- oder Stahlindustrie. Ich erwarte, dass wir im Jahr 2050 über eine vollständig erneuerbare Stromerzeugung verfügen, die auch – zumindest teilweise – zur Herstellung von grünem Wasserstoff und synthetischen Kraftstoffen genutzt wird.

Wir müssen jetzt zügig in den Markthochlauf für Wasserstoff kommen und gleichzeitig parallel die Technologien in den industriellen Maßstab weiterentwickeln, z.B. im Bereich der Elektrolyse. Die europäische Wasserstoffstrategie sieht eine Elektrolyse-Leistung 40 GW bis 2030 vor. Daher denke ich, dass wir größere Stacks mit vielleicht 20 bis 50 MW benötigen werden, um Anlagen im GW-Bereich zu realisieren. Generell sehe ich Deutschland mit seinem starken Maschinen- und Anlagenbau gut aufgestellt. Um das in der Nationalen Wasserstoffstrategie gesetzte Ziel zu erreichen, weltweit die Nummer 1 im Wasserstoffbereich zu werden, müssen wir allerdings vor allem schnell sein. Dafür brauchen die Unternehmen auch geeignete regulatorische Rahmenbedingungen.

Welche Hoffnungen und Erwartungen knüpfen Sie persönlich an den Aufbau einer grünen Wasserstoffwirtschaft und wie sehen Sie dabei Ihre Rolle?

Ich hoffe, dass wir es schaffen werden, mit grünem Wasserstoff und seinen synthetischen Folgeprodukten in der kurzen verbleibenden Zeitspanne Klimaneutralität zu erreichen und eine lebenswerte Umwelt für die nächsten Generationen zu erhalten. Nur mit grünem Wasserstoff und seinen Folgeprodukten können wir Bereiche wie die Stahlindustrie, die Chemieindustrie oder die Luftfahrt dekarbonisieren.

Als Systemanalytikerin in der Politikberatung sehe ich es vor allen Dingen als meine Aufgabe, Informationen für die Entscheidungsträger neutral, wissenschaftlich fundiert und faktenbasiert aufzubereiten. Ich möchte schnelle Entscheidungen ermöglichen, indem ich die Konsequenzen des möglichen Handelns oder Nicht-Handelns klar aufzeige. Des Weiteren sehe ich meine Rolle darin, Markteinführungsinstrumente mit zu entwickeln, um zur Gestaltung eines dynamischen Markthochlaufs beizutragen. Ich wünsche mir, dass dies gelingt, damit wir alle in Zukunft von einer grünen Wasserstoffwirtschaft profitieren können.

Sie werden auf der f-cell in Ihrem Vortrag beleuchten, woher der zur Dekarbonisierung der Sektoren dringend benötigte grüne Wasserstoff in Deutschland stammen könnte. Ob der Import eine sinnvolle Option ist, wir zurzeit durchaus kontrovers diskutiert. Wie ist Ihre Einschätzung?

Deutschland ist heute ein großer Energieimporteur, insbesondere von Mineralöl und Erdgas. Ich denke, dass sich dies in Zukunft nicht grundlegend ändern wird. Gerade mit Blick auf die benötigten Mengen wird es sinnvoll sein, auch auf den Import von grünem Wasserstoff zu setzen. Allerdings sind zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht alle Fragen des Transports geklärt. Sowohl Schiffe als auch Pipelines kämen für den Wasserstofftransport in Frage. Ammoniak und Methanol als relativ leicht zu handhabende Folgeprodukte sind ebenfalls Optionen.

Mit einem Import von grünem Wasserstoff könnten wir auch andere Staaten bei ihrer Energiewende unterstützen und ihre Wirtschaftskraft fördern. So zum Beispiel die Ukraine mit ihrer bereits bestehenden Erdgas-Pipeline, die für den Wasserstofftransport umgewidmet werden könnte. Als Lieferanten mit guten Bedingungen für die Erzeugung von Solar- oder Windstrom für die Wasserstoffproduktion kämen z.B. auch Länder wie Chile oder einige nordafrikanische Staaten in Frage. Damit könnten auch Nationen, die über keine fossilen Energieträger verfügen, zum Exporteur werden. Dies wäre auch für Deutschland von Vorteil. Unsere hier hergestellten Elektrolyseanlagen sollen schließlich international Abnehmer finden. Gleichzeitig kann der H2-Import dazu beitragen, dass unser im Ausland oft kritisch beäugter Handelsbilanzüberschuss nicht weiter wächst.